Rückflug auf Wolke sieben

Der ckr-Fanclub empfängt Chrigel nach seinem Sturmlauf am Berlin-Marathon am Flughafen Zürich

Der ckr-Fanclub empfängt Chrigel nach seinem Sturmlauf am Berlin-Marathon am Flughafen Zürich

Christian hat am vergangenen Sonntag am Berlin-Marathon seine persönliche Bestzeit von 2:15:35 h auf 2:13:57 verbessert und – was fast noch wichtiger ist – die Olympia-Limite von 2:14 h für die Spiele 2016 in Brasilien um 3 Sekunden unterboten. Gestern Abend ist er am Flughafen Zürich gelandet und wurde kurz nach 23 Uhr von einer stattlichen Delegation des Fanclubs gebührend empfangen. Nachfolgend präsentieren wir euch das exklusive Interview, welches Chrigel uns zu später Stunde gewährte.

Chrigel, wie sind die Beine am Tag 1 nach dem Marathon und wie weit bist du heute schon gelaufen?
Gelaufen nicht viel. Die grosse Delegation des TV Oerlikon und die erlesenen Mitglieder des Fanclubs haben das „Auslaufen“ nach dem Lauf durch „Austanzen“ ersetzt. Die Beine sind nun fast perfekt, aber der Kopf schmerzt noch etwas.

2:13:57, 3 Sekunden Reserve auf die Olympia-Limite… Selbst der eingefleischteste ckr-Fan begann seinen Glauben an ein Gelingen des Olympia-Traums zu verlieren, als du nach 35 km immer noch einen Rückstand von 34 s auf die Marschtabelle hattest und somit die verbleibenden 7 Kilometer in etwa 3:05 min/km – 5 s/km unter der ohnehin schon ambitiösen Zielpace – zurücklegen musstest. Hattest du es im Gefühl, dass es doch reichen würde oder bist du die letzten km „all in“ mit glücklichem Ende gelaufen?
Ich hatte erst beim Brandenburger Tor daran zu glauben begonnen. Ich wusste, dass es von dort aus mit einer 2:12:5x Zwischenzeit noch reichen könnte. So war es dann auch. Vorher habe ich beim Halbmarathon und bei den 5 km Abschnittszeiten zwar über den ungefähren Rückstand Bescheid gewusst, welcher auf bei 30 km noch 47 Sekunden betrug. Ich versuchte positiv zu bleiben. Das heisst nicht zu rechnen, sondern mich am guten Laufgefühl zu freuen und die Uhr zu ignorieren. Ab Kilometer 30 habe ich gar nicht mehr auf die Uhr geschaut und bin nur noch gesprintet. Da habe ich mich mit vielen positiven Emotionen der letzten Monate und dem Gedanken an eine mögliche tolle PB (persönliche Bestleistung) motiviert. In den Kurven (wo der Laufrhythmus gebrochen wird), habe ich jeweils kurz an Rio gedacht. Erst unter dem Brandenburger Tor ging dann der Blick wieder auf die Uhr und von dort auf den vor mir laufenden Deutschen Julian Flügel. Ich wusste euphorisiert, dass das Undenkbare nun tatsächlich möglich sein könnte. Wer hätte im April in London gedacht, dass mir die etwas schmerzliche Erfahrung des schwachen Schlussspurts (Endzeit 2:17:00 – statt 2:16:59) gestern helfen konnte unter 2:14:00 zu bleiben!

Die letzten 2 km (wahrscheinlich waren es mehr) bis du in der zweitschnellsten Abschnittszeit gelaufen. Nur der Sieger Eliud Kipchoge war schneller. Sicher auch ein gutes Gefühl, dass du in diesem Weltklasse-Feld einen deutlichen Fussabdruck hinterlassen konntest?
Ich dachte zuerst, das müsse ein Fehler sein. Statt einem „Fussabdruck“ hat sein Schuh wohl einen „Abdruck am Fuss“ hinterlassen. Aber ja, es tönt gar nicht schlecht zweitschnellster gewesen zu sein – jetzt fehlen mir zu Silber nur noch die restlichen 40 km in diesem Höllen-Tempo.

Gabs einen Marathon nach dem Marathon?
Ich bin ja jetzt bereits mitten im Marathon nach dem Marathon! Diesen absolvieren zu dürfen ist ein riesiges Vergnügen – da kommst Du nicht mal per Verlosung rein. Trotz Schweiss und Tränen kann man sich bei diesem ohne Blick auf die Uhr einfach treiben lassen. Ich kann Dir nicht mal sagen, wie viele Kilometer wir bereits zurückgelegt haben – ich hoffe, es ist noch weit!

In der Vergangenheit hast du nach deinen Marathons jeweils eine mehrwöchige Pause eingelegt. Wird das nach dem Berlin-Marathon wieder der Fall sein?
Ja genau. Jetzt geniesse ich vier Wochen ohne Laufen. Und je nach Lust und Laune beginne ich in ca. zwei Wochen mit lockeren Rennrad und/oder Bike Ausfahrten. Darauf freue ich mich schon jetzt!

Der Olympia-Marathon findet im August 2016 in Brasilien statt. Weißt du schon, wie die Planung auf diesen weiteren Meilenstein in deiner Läuferkarriere hin aussieht? Wahrscheinlich planst du – ähnlich wie vor der EM in Zürich – keinen Start an einem Frühlingsmarathon mehr?
Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung… Mein Planungshorizont hat an der Ziellinie in Berlin geendet. Nächstes Jahr findet im Juli erstmals eine Halbmarathon-EM (inkl. Team-Wertung) statt. Dafür müsste ich noch eine Limite unterbieten.
Ich bin ja auch noch nicht selektioniert für Rio: Es besteht die Möglichkeit, dass ich von anderen Schweizern aus dem Team „gedrängt“ werde. Ausserdem muss ich gemäss Selektionskonzept meine Leistung im Frühjahr noch bestätigen (NICHT notwendiger Weise mit einem Marathon). All dies könnte Einfluss auf meine Planung im 2016 haben.

Chrigel, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir weiterhin gute Erholung. Geniesse die Glücksgefühle und wir freuen uns, dich gemeinsam mit den Gold- und Silber-Fans am ckr-Fanclubtreffen am 31. Oktober wiederzusehen.

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2 Kommentare zu “Rückflug auf Wolke sieben

  1. Pingback: Christian Kreienbühl im Interview « running.COACH Blog

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